Die Top Girls übernehmen.

[Triggerwarnung für die Darstellung sexualisierter Gewalt]

Was aus der diesjährigen Berliner Slutwalk-Orga bisher öffentlich wurde, macht uns wütend.

Bereits im vergangenen Jahr gab es berechtigte Kritik an den Slutwalks, an den Zusammensetzungen und Arbeitsweisen der Orga-Gruppen, am Umgang mit dem Begriff „slut“ oder „schlampe“ sowie an der (fehlenden) inhaltlichen Auseinandersetzung mit interdependenten Diskriminierungen im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt_Sexismus.
Es wäre also viel Zeit gewesen, sich mit der herangetragenen Kritik auseinanderzusetzen, ein Selbstverständnis auszuarbeiten, besser zu netzwerken, die Workshop-Angebote von Les Migras und Hydra anzunehmen und sich erneut mit der Problematik des Begriffs „slutwalk“ zu beschäftigen und eine Umbenennung in Erwägung zu ziehen, wie es beispielsweise in Hamburg gemacht wurde.

Wir haben die Berliner Orga-Gruppe kurz nach dem Slutwalk am 13. August 2011 verlassen, da die inhaltlichen Differenzen zu groß und unüberbrückbar schienen. Auch einige andere, die wie wir radikale queer_feministische Grundsätze vertreten, nehmen aus diesen Gründen nicht mehr an der Orga teil.

Trotz anstrengender Diskussionen, viel strapazierter Nerven und einigem, was schief lief, finden wir, dass die Arbeit des letzten Jahres eine Grundlage geboten hätte, weiter zu reflektieren, einiges zu ändern und aus Fehlern zu lernen. Viele haben Interesse an der Orga gezeigt und an einer längerfristigen Beschäftigung mit den Ideen der Slutwalks. Viele hatten Lust, an der Orga teilzunehmen und der inhaltlichen Gestaltung beizuwohnen.

Was jetzt passiert, ist leider nichts davon. Ganz im Gegenteil. Das Vorbereitungstreffen, das im Juni stattfand, sollte eigentlich im November 2011 stattfinden, um dem damaligen sehr hohen Interesse von vielen Queer_Fem_inistinnen an der Mitgestaltung eines sich neu eröffnenden radikalen und feministischen Gestaltungsraumes in Berlin Rechnung zu tragen. Diese Chance wurde verpasst. Das diesjährige Vorbereitungstreffen fand nun so spät statt, dass für eine intensive inhaltliche Diskussion und eine mögliche Zusammenarbeit mit Netzwerkpartner_innen schon wieder kaum Zeit bleibt/blieb. Als Ort wurde das Co-Up ausgewählt, ein Co-Workingspace, dem kein queer_feministisches Selbstverständnis zugrunde liegt, der nicht barrierefrei ist, mit der Begründung, dass sich dort mehr Leute willkommen fühlen würden als im „zu linksradikalen, queer_feministischen“ barrierearmen Faq-Laden, der aktuell von der gleichen Orga als Raum für Plena genutzt wird.

Die finanziellen Mittel, die im vergangenen Jahr durch zwei Soliveranstaltungen auch nach dem Slutwalk zur Verfügung standen, wurden nicht an radikale queer_feministische Projekte gespendet, sondern sollten in die Ermöglichung eines nächsten Slutwalks fließen. Wir wundern uns daher, dass erneut eine so große Soliveranstaltung geplant und durchgeführt wurde, um den diesjährigen Slutwalk zu finanzieren.

Ankündigungstext und Motto der diesjährigen Soliparty ärgern in diesem Kontext gleich mehrfach. Nicht nur, dass die Kritiken des letzten Jahres scheinbar vollkommen unbeachtet bleiben, obwohl mehrere Organisator_innen in der Gruppe verblieben sind und daher über alles genaustens informiert sein müssten. Linke, radikale queer_feministische Inhalte, die von einigen im letzten Jahr noch hart erkämpft wurden, so dass wenigstens einiges an kackscheisse verhindert werden konnte und der Slutwalk 2011 nicht nur liberale Spaßfeminist_innen und „Top Girls“ angesprochen hat, sind in diesem Jahr vollkommen verschwunden.

Die Ankündigung einer „sexy“ Soliparty (das Wort sexy wurde mittlerweile aus dem Ankündigungstext entfernt) und der Demo, die „laut und bunt, sexy und normal, hetero und queer“ sein soll und diejenigen anspricht/ansprechen soll, welche „ihre Sexualität selbstbestimmt und lustvoll leben möchten“, ist ein riesiger Schritt zurück, füttert den Backlash und ist so wrong in so many ways. Was Angela McRobbie als postfeministische Maskerade bezeichnet, zeigt sich hier in voller Blüte: Feminismus muss sexy sein und Spaß verstehen sowie neoliberalen Gleichheitsideen entsprechen, die weder bestehende Ungleichheiten und Machtverhältnisse mitdenken, sondern feministischen Aktivismus nur dann legitimieren, wenn die Boyfriends auch mitmachen dürfen und die schlecht gelaunten Emanzen lieber nicht.

Radikale und marginalisierte Positionen werden damit gleich mal auf ihre unsichtbaren Plätze verwiesen, der Slutwalk wird entpolitisiert und für hegemoniale (antifeministische) Diskurse anschlussfähig gemacht. Was letztes Jahr von der Mainstream Presse fälschlicherweise als Ziel der Slutwalks verbreitet wurde – das Recht, sich sexy zu kleiden – wogegen sich immer wieder von Seiten der Orgagruppe gewehrt wurde, wird jetzt auf die Flyer geschrieben.

Dann das Partymotto: „Alles Schlampen – auch Mutti“ ignoriert jegliche Kritik aus dem letzten Jahr. Während hingegen die Verwendung des Wortes Slut/ Schlampe bisher weitgehend vermieden wurde, mit der Option grundsätzlich darüber zu diskutieren wie der Begriff verwendet wird oder ob überhaupt (siehe Hamburg), wird er jetzt gleich zum Motto der „sexy und wilden“ Party und mit dem vermeintlich „witzigen“ Spruch der Partyfeminismus vorangebracht und radikale Ansprüche zunichte gemacht – ganz zu schweigen davon, dass auf die Bedürfnisse von Personen, die sich um Kinder kümmern keinerlei Rücksicht genommen wird, da braucht eine_r sich nur mal den timetable der Party anzuschauen.

Nachdem die Kritik an den Flyern und der Partyankündigung in den letzten Tagen lauter wurde, veröffentlichte das Orgateam eine unsägliche Stellungnahme, die ebenfalls den unreflektierten Umgang mit Kritik bestätigt. Die Problematik des Partymottos wird gar nicht erst verstanden, sondern der Versuch des reclaimens einfach widerrufen, bzw. sich doppelt furchtbar entschuldigt. Es wird nicht auf Kritik eingegangen, es werden keine Konsequenzen gezogen. Alles wird beibehalten und sich entschuldigt. Oder auf eine Aufzählung von Anti-Wörtern verwiesen, statt sich als Gruppe zu situieren, Ver_Ortungen transparent zu machen und sensibel wie verantwortungsbewusst aus einer bestimmten (zum großen Teil privilegierten) Sprechposition heraus politisch zu handeln. Was genau soll das nun ändern?

Als wäre all das nicht schon kritikwürdig genug, wurde den Besucher_innen am Einlass ein Stempel mit der Aufschrift „Slut“ auf den Körper gedrückt. SERIOUSLY, WHAT THE FUCK?

Ein paar Stunden nach der Party dann die erschreckenden, wenn auch nicht gerade verwunderlichen Berichte auf der Facebookseite der Soliparty:
Sexualisierte Übergriffe, Grenzüberschreitungen und sexistische Kackscheisse am laufenden Band.

„von inhalt keine spur. sexistischer kackscheiß von allen seiten(…) egomanes gerempel und blöde wortfetzen überall und die ganze zeit. keine (sichtbaren) supportmöglichkeiten. und ich gehe halt einfach bei so einem motto nicht davon aus, daß ich mich da hinstellen muss, und gruppenweisen coolen, trendy leuten erklären muss, worum es geht, und wie respektvolles, nicht-sexistisches, nicht-mackeriges miteinander aussieht. ich hätte auch auf jede x-beliebige elektrostudent_innenfete gehen können, es wäre kein gefühlter unterschied gewesen. das war alles andere als ein safer raum für mich. im gegenteil, es wurde sex und sexualität und äußeres noch viel mehr als sonstwo auf ätzende art kommentiert und lächerlich gemacht. keine minute des an der bar stehens und wartens verging ohne sprüche im hintergrund á la ‚nun hol schon deine möpse raus, hier geht’s schließlich um sluts‘“ (https://www.facebook.com/events/303914216371085/permalink/310100542419119/)

„i just came home from the slutwalk soli party at about blank. i feel so disgusted. first time*(fortunately) since i am in berlin, i felt being in such an unsafe place. i know that there is no place safe. never.nowhere. but still. in a party against rape culture my both friends got sexualy abused (…) a man graped their pussy while they were trying to pass from the one side of the bar to the other inside that crowded space. (…) ¿was that this people *(becuase all night we felt bothered from sexist comments) had no clue about the theme or the purpuse of this party???? how should we do, that not even one of the people entering into this kind of events (our events) be at least informed of what is about. (…) and then all this stylish shit, seems sooo empty. “
(https://www.facebook.com/events/303914216371085/permalink/310038279092012/)

Bisher gibt es kein Statement von Seiten der Orga zu diesen und anderen Vorfällen, abgesehen von den Kommentaren einzelner Personen aus der Awarenessgruppe auf der Facebookseite, die sich entweder für die fehlende Unterstützung und Aufmerksamkeit entschuldigen, oder die Kritik an die Tür des ://about blanks abschieben. Verhaltensregeln müssten sichtbar und überall präsent sein, allen Besucher_innen kommuniziert werden und bei Nichtbeachtung sofort sanktioniert werden!

Der Flyer, der Text, fehlende Awareness, fehlendes Bewusstsein, die Auswahl der Künstler_innen in Kombination mit der Location und der Bewerbung der Party hat einen unpolitischen, nicht-sicheren Raum geschaffen, in dem Übergriffe nicht verhindert werden konnten und anscheinend auch nicht/kaum sanktioniert wurden. Die SW-Gruppe lädt in einen Club ein, der schon per se durch die Räumlichkeiten keine Sicherheit gewährleisten kann. Dunkel, unübersichtlich, groß. Mit einem aus 10-15 Personen bestehenden Awarenessteam (nach Angabe der Gruppe) ist es da bei weitem nicht getan. Zudem scheinbar viele der Besucher_innen nicht einmal mitbekamen, dass es ein Awarenessteam gab.

Laufpublikum, welches vom ://about blank durch den hohen Bekanntheitsgrad des Clubs (nicht als politischer, sicherer Raum sondern als Elektroclub in dem mensch bis Nachmittags feiern kann) angezogen wird, muss mitgedacht werden und dürfte den Einlass nicht ohne ausreichende Information passieren können, um welche Party es sich handelt.
Zudem sollte bei der Auswahl einer Partylocation bedacht werden, dass in Clubs wie dem ://about blank von einem verantwortungsvollen Umgang mit Drogen nicht ausgegangen werden kann, wodurch persönliche Grenzen schwieriger wahrgenommen und respektiert werden können. Zudem erhöht sich die Gefahr, dass Besucher_innen gegen ihr aktiv gegebenes Einverständnis Drogen verabreicht werden, um ihre Grenzen und körperliche Integrität bewusst zu verletzen.

Die Auswahl der Künstler_innen ist nicht nur dahingehend unbedacht. Peaches auf einem Flyer_Plakat zieht viele Leute an, aber nicht unbedingt nur die, die mit einer Soli-Party für eine Demo mit einer sensiblen Thematik angesprochen werden sollten. Im letzten Jahr hatten wir Peaches als potentielle Künstlerin von vorneherein ausgeschlossen, da ihre Performance (fast) immer sehr sexualisiert ist und demnach erhöhtes Triggerpotential in sich trägt. Das gleiche gilt auch für die Einladung von Mad Kate (was keine grundsätzliche Kritik ihrer Performance bedeuten soll, sondern in frage stellt, ob diese für eine Slutwalk-Party geeignet ist).

Die Slutwalk-Berlin-Orga sollte sich schleunigst zu den Vorfällen positionieren und eine radikale Kehrtwende in ihrem politischen Grundverständnis und Handeln in Erwägung ziehen.
Schon jetzt ist es aus einer radikalen queer_feministischen Perspektive nicht mehr möglich, diese Demo zu unterstützen. Der Slutwalk Berlin ist nicht nur ausschließend, sondern trägt ein enormes Kackscheisse-Potential in sich und hat massiv an Inhalt eingebüßt.


5 Antworten auf „Die Top Girls übernehmen.“


  1. 1 frieda 25. Juli 2012 um 18:21 Uhr

    teils sicher berechtigte Kritik, teils aber auch einfach nur Rundumschlag. So muss ich mich fragen, welcher Club in Berlin (oder anderswo) nach Meinung der AutorInnen allein durch die Räumlichkeiten „Sicherheit“ bieten kann.
    Aus einem liberalen Umgang mit drogenaffinem Publikum herzuleiten, dass die Gefahr von sexuellen Übergriffen steigt, finde ich auch etwas vermessen. Ich habe an der Party teilgenommen und kann konstatieren, dass das awareness-team durchaus sichtbar war (Armbinden u.ä.) Und auch das Sicherheitspersonal des about blank würde ich so einschätzen, dass eine Meldung von sexualisierten Übergriffen nicht ohne Konsequenz geblieben wäre.

  2. 2 IfsA 27. Juli 2012 um 19:07 Uhr

    Hallo frieda,

    wie schon im text erläutert ging es uns nicht um eine rundum-kritik am blank, sondern um ein Zusammenwirken der beschriebenen Faktoren.
    Das blank ist unübersichtlich und sehr dunkel, das Motto der Party, der Flyer, die Auswahl der Künstler_innen usw. zieht Laufpublikum an, welches von einem scheinbar kaum sichtbaren (von sehr vielen Personen wurde berichtet dass sie das Team nicht gesehen haben) und viel zu kleinen (10-15 leute) Awareness-Team nicht ausreichend beobachtet und sanktioniert werden kann.

    An der Tür / dem Personal des blanks haben wir – wie du gerne im Text nachlesen kannst – auch gar keine Kritik geübt (da wir darüber auch bis jetzt nichts gehört haben), sondern wir haben u.a. eine Kritik daran geäußert dass auf der fb-Seite des Slutwalks versucht wurde, Kritik die zum Awareness-Team geäußert wurde der Tür zugeschoben wurde.

    lg, IfsA

  3. 3 Warum? 08. August 2012 um 15:26 Uhr

    Hallo,

    eure Kritik ist voll und ganz berechtigt!!!

    Die Uhrzeit und das Motto der Party sowie der Umgang in der Gruppe sind einfach nur erschreckend und ausschließend. So ist jedenfalls mein persönliches Empfinden. Mein Hinweis, dass es ein Mütter-Frauen-Feindliches-Motto sei, wurde eher begrinst als wahrgenommen. Auch die Uhrzeit der Party ist voll gegen jede Realität, dass haben meine Kinder jedenfalls gesagt und ich bin da ganz ihrer Meinung. Aber alles rächt sich irgendwann von selber!

    Ich finde eure Kritik Punkt für Punkt richtig und habe Dank eurer Anwesenheit beim Treffen wenigstens den Unterschied zwischen Betroffenen und Opfern gelernt und voll übernommen. Jetzt lasst uns hoffentlich im Jahr 2013 einen Slutwalk gestalten, der denen gerecht wird, die betroffen sind, waren oder Potentiell zur Zielgruppe gehören, nämlich allen.

    Danke für euer Statement!

    Mehr kann dazu nicht gesagt werden.

  1. 1 Links (3) « sanczny Pingback am 27. Juli 2012 um 19:23 Uhr
  2. 2 Whatever happened to the sisterhood*? | alsmenschverkleidet Pingback am 24. September 2012 um 15:27 Uhr
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