Archiv für Juli 2012

Die Top Girls übernehmen.

[Triggerwarnung für die Darstellung sexualisierter Gewalt]

Was aus der diesjährigen Berliner Slutwalk-Orga bisher öffentlich wurde, macht uns wütend.

Bereits im vergangenen Jahr gab es berechtigte Kritik an den Slutwalks, an den Zusammensetzungen und Arbeitsweisen der Orga-Gruppen, am Umgang mit dem Begriff „slut“ oder „schlampe“ sowie an der (fehlenden) inhaltlichen Auseinandersetzung mit interdependenten Diskriminierungen im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt_Sexismus.
Es wäre also viel Zeit gewesen, sich mit der herangetragenen Kritik auseinanderzusetzen, ein Selbstverständnis auszuarbeiten, besser zu netzwerken, die Workshop-Angebote von Les Migras und Hydra anzunehmen und sich erneut mit der Problematik des Begriffs „slutwalk“ zu beschäftigen und eine Umbenennung in Erwägung zu ziehen, wie es beispielsweise in Hamburg gemacht wurde.

Wir haben die Berliner Orga-Gruppe kurz nach dem Slutwalk am 13. August 2011 verlassen, da die inhaltlichen Differenzen zu groß und unüberbrückbar schienen. Auch einige andere, die wie wir radikale queer_feministische Grundsätze vertreten, nehmen aus diesen Gründen nicht mehr an der Orga teil.

Trotz anstrengender Diskussionen, viel strapazierter Nerven und einigem, was schief lief, finden wir, dass die Arbeit des letzten Jahres eine Grundlage geboten hätte, weiter zu reflektieren, einiges zu ändern und aus Fehlern zu lernen. Viele haben Interesse an der Orga gezeigt und an einer längerfristigen Beschäftigung mit den Ideen der Slutwalks. Viele hatten Lust, an der Orga teilzunehmen und der inhaltlichen Gestaltung beizuwohnen.

Was jetzt passiert, ist leider nichts davon. Ganz im Gegenteil. Das Vorbereitungstreffen, das im Juni stattfand, sollte eigentlich im November 2011 stattfinden, um dem damaligen sehr hohen Interesse von vielen Queer_Fem_inistinnen an der Mitgestaltung eines sich neu eröffnenden radikalen und feministischen Gestaltungsraumes in Berlin Rechnung zu tragen. Diese Chance wurde verpasst. Das diesjährige Vorbereitungstreffen fand nun so spät statt, dass für eine intensive inhaltliche Diskussion und eine mögliche Zusammenarbeit mit Netzwerkpartner_innen schon wieder kaum Zeit bleibt/blieb. Als Ort wurde das Co-Up ausgewählt, ein Co-Workingspace, dem kein queer_feministisches Selbstverständnis zugrunde liegt, der nicht barrierefrei ist, mit der Begründung, dass sich dort mehr Leute willkommen fühlen würden als im „zu linksradikalen, queer_feministischen“ barrierearmen Faq-Laden, der aktuell von der gleichen Orga als Raum für Plena genutzt wird.

Die finanziellen Mittel, die im vergangenen Jahr durch zwei Soliveranstaltungen auch nach dem Slutwalk zur Verfügung standen, wurden nicht an radikale queer_feministische Projekte gespendet, sondern sollten in die Ermöglichung eines nächsten Slutwalks fließen. Wir wundern uns daher, dass erneut eine so große Soliveranstaltung geplant und durchgeführt wurde, um den diesjährigen Slutwalk zu finanzieren.

Ankündigungstext und Motto der diesjährigen Soliparty ärgern in diesem Kontext gleich mehrfach. Nicht nur, dass die Kritiken des letzten Jahres scheinbar vollkommen unbeachtet bleiben, obwohl mehrere Organisator_innen in der Gruppe verblieben sind und daher über alles genaustens informiert sein müssten. Linke, radikale queer_feministische Inhalte, die von einigen im letzten Jahr noch hart erkämpft wurden, so dass wenigstens einiges an kackscheisse verhindert werden konnte und der Slutwalk 2011 nicht nur liberale Spaßfeminist_innen und „Top Girls“ angesprochen hat, sind in diesem Jahr vollkommen verschwunden.

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