Das Problem mit der Paarnormativität

Was macht es mit Menschen, die keine Beziehung haben (wollen), wenn sich Personen in RZB vor ihnen inszenieren?

Paarnormativität beinhaltet, dass Personen ohne Beziehung als Mängelwesen hergestellt und kontinuierlich für ihr „alleine sein“ sanktioniert werden.
Nicht in einer Beziehung zu sein oder keine zu wollen wird mit Einsamkeit assoziiert. Mensch wird bemitleidet, irgendetwas muss sie_er ja falsch machen, wenn sie_er alleine ist.

Keinen sex zu haben, kann auch nicht richtig sein. Wie hältst du das aus?

Aus den Normen, die meistens mit RZB einhergehen, ergeben sich gleichzeitig diese „Mängel“ als real erlebte Erfahrungen für viele Personen ohne Beziehung, da bestimmte Lebenssituationen, bestimmtes unterstützendes Verhalten untereinander, zusammen sein, sich nahe sein, füreinander da sein in Verbundenheit mit körperlicher Nähe (die nicht sexualisiert sein muss) oftmals nur mit RZB in Verbindung gebracht werden, oftmals nur in diesen erlebt werden. 
Ergo: keine Beziehung = fehlende Nähe = Druck, wieder eine Beziehung zu finden.

Dieser Druck wird wesentlich erhöht, wenn Personen in Beziehungen sich in öffentlichen Räumen als solche inszenieren. Der scheinbare Mangel wird deutlich vor Augen geführt und gesellschaftliche Beziehungsnormen ständig reproduziert.

Nur in einer RZB bist du ein vollständiger Mensch.

Wie können wir mit diesen Normen brechen?

Freund_innenschaften als Priorität setzen 
(mit gleichen_ähnlichen Prioritäten ausstatten wie die RZB)

Selbstverständlichkeiten in Freund_innenschaften stärken und ausbauen, umsetzen
(Dies ist wahrscheinlich nur mit viel Kommunikation und Auseinandersetzung damit möglich, um bestimmte normative Strukturen die mit RZB und Freund_innenschaft einhergehen klar zu bekommen, sichtbar zu machen und ändern zu können)

Herausfinden und ernst nehmen, was einigen mehr, einigen weniger wichtig an einer RZB ist, auch die Beziehung akzeptieren, unterstützen. Dies halte ich vor allem für nicht-hetera-Beziehungen für sehr wichtig, da öffentliche Räume kaum zur Verfügung stehen.

Gegenseitig solidarisch sein

Eigene, internalisierte Beziehungsnormen hinterfragen, das eigene Verhalten beobachten und verändern.

Fragen zum weiter_denken:

Wieso handelt die meiste Musik von verlorener Liebe, beginnender Liebe, ewiger Liebe, schmerzender Liebe, glücklich machender Liebe?

Wieso wird von mir selbstverständlich erwartet, dass ich die Partner_innen meiner Freund_innen immer mitdenke, wenn ich etwas mit meinen Freund_innen plane? Ich muss ja auch nicht die engsten Freund_innen immer mit denken

Wieso werden Personen in RZB so oft und selbstverständlich bevorzugt?

Wieso genießen Paarbeziehungen so viele Privilegien?

Wieso wird einem Paar sofort das Bett angeboten, während die mitreisende Person selbstverständlich auf dem Sofa schlafen soll? Haben Personen in Beziehungen etwa häufiger Rückenprobleme?

Wieso wird Personen, die eine Beziehung führen, ein höheres Maß an Bedürfnissen (z.B Zeit zu zweit zu verbringen) zugestanden? Warum müssen meist die Personen ohne Beziehung dahingehend zurückstecken?

Warum wird dies so wenig thematisiert?

Warum wird dies nicht offen diskutiert? 



Warum gelten Paar-Selbstverständlichkeiten als Selbstverständlichkeiten und die Bedürfnisse anderer als nicht so selbstverständlich, sondern als individuelle Bedürfnisse, die dann auch individuell gelöst werden müssen?

[Dieser Text ist im Zine „Liebe & Beziehung_en“ erschienen.]


7 Antworten auf „Das Problem mit der Paarnormativität“


  1. 1 Michael 18. August 2012 um 11:04 Uhr

    Weitere interessante Fragen wären sicherlich auch:

    Warum werden Freund_innenschaft und RZB als klar getrennte definiert/konstruiert? Warum werden fließende Beziehungszustände unsichtbar und unaussprechlich gemacht und damit verunmöglicht? Was sind die tatsächlichen Merkmale die Freund_innenschaft und RZB unterscheiden und abgrenzen und was sollten sie sein?

  2. 2 hike 20. Januar 2013 um 1:04 Uhr

    hm, Euer Text wirft viele Fragen auf die ich mir schon seit meiner Jugend (also seit über 30 Jahren) als „Nicht-RZB‘ler“ selbst stelle. Glücklich bin ich immer nur dann wenn ich keine Pärchendinge anderer Leute in meinen Alltag reingeschmiert bekomme, wie es z. B. mehr als normal ist auf sämtlichen Arten von Familienfeiern, wo dauernd die Frage nach dem Partner kommt und dauernd vorausgesetzt wird dass mensch das „Zwei Rücken Tier“ mit einem (meist gegengeschlechtlich gedachten) Partner macht.

    Und es ist tatsächlich so, dass du wie ein Alien angestaunt wirst, wenn Du z. B. alleine ins Kino oder auf ein Konzert gehst, weil das kann mensch ja nicht einfach nur deswegen machen, weil die Band toll ist oder der Film gefällt, sondern öffentliche-Anlässe-besuchen von Schützenfest bis Kino wird immer als heterogrooming Anlass eingestuft, und entsprechend sorgt die Solo-Person für nen Hingucker sogar dann, wenn sie nicht mal besonders auffällig gekleidet ist.

    Selbst in der Disco wirste als Singlefrau nicht einfach in Ruhe abtanzen gelassen, obwohl es da fürs Publikum etwas undurchsichtiger ist, „mit wem“ du da bist, als in der Oper oder im Kino wo du dich längere Zeit nicht vom Fleck bewegst.

    Villeicht lösen alle Nicht-Verpärchenten Personen Angst aus der Sorte „das ist n Perverser“ oder „die hat ihre Tage“, „die/der ist geisteskrank und ermordet unsere Kinder“.

    Ich kanns nur vermuten, jedenfalls kenn ich zur Genüge diese taxierenden Blicke und auch diese wohlgemeinten Versuche seitens meiner Eltern, Familie, nachbarsozialen Umgebung, mich „zu meinem Besten“ auf die Heteroschiene zu schubsen oder, wenn denn das um’s Verrecken nicht geht, dann doch bitte wenigstens auf die Homoschiene! – seit über 30 Jahren.

    Ich war in meiner Jugend und jungen Erwachsenen-Zeit so verdammt oft „das fünfte Rad am Wagen“, dass ich selbst heute nicht mehr freiwillig mit Pärchen irgendwo hin gehe, nicht mal übern Flohmarkt wo es eigentlich egal sein sollte, aber nicht egal ist.

    Menschen die was mit mir unternehmen (z. B. Radiosendung machen), informiere ich neuerdings darüber, dass ich voraussetze, mit ihnen als Einzelperson was zu machen, nicht mit ihren Beziehungen.

    Dasist mir so elementar wichtig, dass ich Dinge wie
    - den Partner als Zaungast mitbringen,
    - Grüßen übern Sender,
    - Musikwünsche für die Geliebte dudeln,
    und ähnliches strikt ablehne, weil ich weder Teil der jeweiligen Beziehung bin, noch ein solcher Teil werden möchte.

    Nach jahrzehntelangem schlechten Gewissen und Insuffizienzgefühl fordere ich das mittlerweile auch in klaren Worten ein.

    Denn wenn ich meinen eigenen Partner (einen HiFi-Standlautsprecher) auf jeden Anlass mitschleppen würde, dann wären die Pärchen-Norm-Menschen zu recht(?) verdutzt, denn er tut nichts zur Sache (im obigen Beispiel, zur Radiosendung) – und er würde auch in einer Kneipe, im Kino oder auf einem Konzert nichts zur Sache tun.

    Genauso seh ich das mit dem jeweiligen Partner eines mir gegenübertretenden Individuums – dessen Partner tut in unserem Kontakt nichts zur Sache. Ich rede mit dem Individuum, wenn das nicht möglich ist weil der Partner mitblubbert, dann ist es kein Dialog zwischen dem Individuum und mir, sondern ein Hineinziehen meiner Person in das Pärchending anderer Leute, und ich breche konsequent das Gespräch ab.

    In Straßen-Interviews gibt’s den schönen Trick, wenn z. B. ein Typ permanent für seine Frau redet, schieb dich mit deinem Aufnahmegerät zwischen die beiden und dreh dem nicht gefragten Pärchen-Zwischenlaberer demonstrativ den Rücken zu. Das ist ein echter Verblüffungsmoment, und stellt den Pärchenlaberer auf lautlos.

    Eigentlich will ich mit meinem Kommentar allen Menschen Mut machen, die sich wegen ihrem nicht vorhandenem Eigenbedürfnis an einer gesellschaftlich erwarteten sexualisierten Paarmensch-Beziehung regelmäßig ausgegrenzt und für krank angesehen fühlen, ihren Weg weiter zu gehen.

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